Wenn sich das Schicksaal trifft

Er stand vor den Kisten. Ein Handy in der rechten Hand. „Nein, es ist
alles gut gelaufen", versprach er ihr. Seine Stimme war drängend. „Ich muss
auflegen", er wirkte aufgebracht. Mit seiner freien linken Hand schob er die
Sackkarre. Unvermittelt legte er auf. Er trug ein weißes Hemd mit einem
schwarzen Jackett und einer ebenso schwarzen Anzughose. Mit einem Seufzer
steckte er das Handy in seine Anzugstasche. Dann stützte er sich auf die
Sackkarre, blieb so einen Moment stehen und fing dann an zu schieben. Als er
gerade die Kreuzung erreichte, erklang der typische Handyklingelton.
Anscheinend aus seinen Gedanken gerissen, ließ der Mann erschrocken die
Sackkarre los und alle Kisten verteilten sich samt Inhalt auf dem Asphalt.
Hektisch bückte sich der Mann und fing an, die Scherben aufzusammeln. Aus
den Kisten waren Teller und Tassen gefallen und auf dem Boden zersprungen.
Die Menschen, die an ihm vorbei gingen, würdigten ihn keines Blickes oder
guckten ihn nur herablassend an. Alle. Bis auf sie. Als sie vor ihm stehen
blieb, guckte er nicht auf. Er beachtete sie gar nicht. „Wahrscheinlich",
dachte er, "macht sie sich auch nur über mich lustig. Ein Mann im Anzug, der
verzweifelt Scherben vom Boden aufhebt. Sowas sieht man auch nicht alle
Tage." Doch anstatt weiterzugehen, bückte sie sich zu ihm herunter und hob
eine Scherbe auf. „Die sind ja richtig wertvoll", bemerkte sie. Erst jetzt
guckte er zu ihr hoch. Langes blondes Haar. Mehr konnte er vorerst nicht
erkennen, sie verschwamm vor seinen Augen, Tränen standen in ihnen und
verwandelten alles in seinem Blickfeld in eine Mischung aus Farben. Er
senkte seinen Blick wieder. „Was ist denn passiert?", erklang ihre Stimme.
„Es geht gerade alles durcheinander!", antwortete er, "eben hatte ich ein
Vorstellungsgespräch. Es lief überhaupt nicht gut. Meine Frau und ich waren
beide bei BUY2go Angestellte und seit dies letzten Monat einging, finden wir
beide einfach keine richtige Arbeit! Sie erkrankte schwer und in letzter
Sekunde fand ich noch ein Job. Ich muss Geschirr von A nach B bringen. Doch,
wie Sie sich denken können, bringt das fast kein Geld ein. Der Zustand
meiner Frau verschlechtert sich jeden Moment. Dieses Vorstellungsgespräch
war unsere letzte Chance! Und jetzt bekomme ich noch nicht einmal Geld für
diese Ladung Geschirr!" Er setzte noch einmal an, sagte aber nichts. Konnte
nichts sagen, von Emotionen überwältigt. Er guckte erneut zu ihr hoch. Oder
war es überhaupt eine sie? Schließlich hatte die Person ihm gegenüber den
Ansatz eines Bartes! Aber sie hatte auch einen Rock und eine Bluse! Erst
jetzt fiel ihm auf, wie kräftig ihre Arme waren. Sie bemerkte seinen Blick -
wahrscheinlich auch, weil sein Weinen plötzlich verstummte - und sagte: „Das
tut mir sehr leid für Sie. Für Sie beide. Ich kann Ihre Situation in dieser
Weise zwar nicht nachvollziehen, aber ich kenne das Gefühl, wenn man alles
verliert. Meine Familie", sie stockte kaum merklich, „hat meine Sexualität
nie richtig akzeptiert. Und der, der sie akzeptierte, starb vor drei Jahren
bei einem Autounfall. Ich verlor mich selbst in Trauer. Aber wissen Sie: Ich
habe nicht aufgegeben. Ich hatte niemanden und habe meinen Weg trotzdem
wieder gefunden. Jetzt bin ich wieder glücklich. Per Zufall - oder
Schicksal? - habe ich meinen jetzigen Freund kennen gelernt und wir sind
hierher gezogen. Ich weiß nicht, ob es Ihnen hilft, aber ich könnte Sie
bezahlen, wenn Sie uns mal die Fenster putzen! Es muss ja nicht gleich der
Anfang einer Putzkraft- Karriere sein, aber vielleicht können Sie damit eine
gewisse Zeit überbrücken. Und wegen der Scherben helfe ich Ihnen gerne".
„Danke", sagte er nur. Mehr konnte er nicht in Worte fassen. „Hi", hörte er
es hinter sich. "Hallo, Schatz!", sagte die Frau, die noch immer neben ihm
kniete. Auch er drehte sich jetzt um. Und was er sah, raubte ihm den Atem.